LRS - Informationen für Eltern und LehrerInnen

© Prof. Dr. Helmut Heim, alle Rechte vorbehalten, Regensburg 2013


Begriffe

  • Legasthenie – veralteter Ausdruck, bezieht sich nur auf Leseprobleme, zeigt eine besondere Schwere der Problematik an
  • LRS – Lese- und Rechtschreibschwäche bzw. –störung
  • Dyslexia – Begriff aus dem anglo- amerikanischen Sprachraum, wird gelegentlich ins Deutsche übernommen
  • Wortbildblindheit – anschaulicher, aber theoretisch umstrittener Begriff
  • Isolierte Rechtschreibschwäche bzw. –störung
  • Isolierte Leseschwäche bzw. –störung


Direkte Anzeichen einer LRS

Wenn ein Kind , trotz ausreichenden Unterrichts und genügender häuslicher Unterstützung, im Vergleich zu den Klassenkameraden deutlich schlechter liest, das Gelesene, z.B auch bei Text- aufgaben in der Mathematik, nur ungenügend versteht und im Diktat oder gar schon beim Abschreiben viele Fehler macht, dann ist ein Verdacht auf eine LRS begründet und sollte in Beratungsgesprächen und durch wissenschaftliche Tests abgeklärt werden.

LRS-spezifische Fehler, die als Einzelanzeichen verlässlich eine LRS anzeigen, wie z.B. Buchstabenverdrehungen b-d oder
p-q, gibt es nicht!


Hinweise beim Rechtschreiben

  • Häufige Nichtbeachtung der Recht- schreibregeln: Dopplung, Dehnung, Auslautverhärtung, Groß- /Kleinschreibung, Ableitung vom Wortstamm
  • Verwechslung ähnlich aussehender Buch- staben (z.B. „dlau“ statt „blau“)
  • Verwechslung ähnlich klingender Buch- staben (z.B. e-ä, ö-ü, g-k)
  • Buchstabenverdrehungen (z.B. b-d, p-q)
  • Vertauschung der Reihenfolge der Buch- staben (z.B. „Fabirk“ statt „Fabrik“)
  • Auslassen von Buchstaben


Hinweise beim Lesen

  • Mühsam-stockendes, langsames und fehlerhaftes Lesen
  • Auslassen, Ersetzen, Verdrehen und Hinzufügen von Wortteilen oder Wörtern
  • Vertauschen von Wörtern im Satz oder von Buchstaben in Wörtern
  • Startschwierigkeiten beim Vorlesen, langes Zögern, Verlieren der Zeile
  • Mangelhaftes Sinnverständnis des Gelesenen
  • Abwehrhaltung zum Lesen überhaupt


Fehlerhäufung

Fehlerstatistik von Kinder ohne LRS:

  1. ca. 25 – 30% aller Fehler sind Fehler der Groß-Kleinschreibung
  2. ca. 10- 12% betreffen den kurz gesprochenen Vokal bzw. die Konsonantenverdopplung
  3. ca. 10% beziehen sich auf die Kennzeichnung der Vokallänge
  4. s/ß
  5. Kasusendungen (z.B. ihn oder ihm?)
  6. Getrennt- und Zusammenschreibungen
  7. Auslautverhärtung (z.B. Bad- gesprochen als Bat; häufig – gesprochen als häufik)
  8. Restliche Fehler (z.B. v/f: Fogel, Venster)


Fela mus mann machen düfn!

Bei LRS-Kindern ist die Fehleranzahl sehr individuell und auch die Fehlerhäufung unterscheidet sich gegenüber den anderen Kindern:

  1. Der größte Fehlerbereich ist der der kurz und der lang gesprochenen Vokale: Konsonantenverdopplung bzw. Kennzeichnung der Dehnung
  2. Ebenfalls sehr häufig sind Fehler im Bereich der Auslautverhärtung
  3. Die Groß-Kleinschreibung ist ein großes, in der Therapie aber relativ einfach zu bearbeitendes Problem
  4. Getrennt- und Zusammenschreibung
  5. Restliche Fehler: s/ß; v/f etc.
  6. Kasusendungen


Häufigkeit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche

Buben und Mädchen sind gleichermaßen betroffen.
Geht man aus von den Ergebnissen der großen Schulstudien PISA (Programme for International Student Assessment) und IGLU (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung), dann ergibt sich folgendes Bild:

  • Nach Iglu erreichen ca. 10 % der deutschen Kinder am Ende der 4. Klasse höchstens Kompetenzstufe 1, d.h. sie können auf Nachfrage einzelne Wörter aus einem Text herausfinden. Sie können jedoch keine Schlussfolgerungen ziehen, keine Zusammenhänge erkennen und keine nicht direkt angegebenen Sachverhalte aus dem Text erschließen. Darüber hinaus ergab eine Begleituntersuchung (Valtin 2003), dass 20% dieser Kinder „deutliche Rechtschreibschwierigkeiten“ haben.
  • Bei PISA erreichten 10% der 15- jährigen Jugendlichen nicht einmal die unterste Kompetenzstufe 1, konnten also nicht einmal einfache Informationen aus Texten entnehmen. Weitere 13% kamen nicht über diese Stufe 1 hinaus. Auszugehen ist somit von 23% leseschwachen Jugendlichen.


Häufigkeit einer Lese-Rechtschreib-Störung

  • Bei ca. 4% der Schüler liegt eine LR-Störung vor.
  • Buben sind (etwa 3-mal) häufiger als Mädchen betroffen.
  • 5 – 10% der Jugendlichen und Erwachsenen beherrschen das Schreiben und Lesen nicht ausrei- chend, um ihren Alltag zu meistern: Sie schaffen daher ihre Berufsaus-bildung nicht, sind nicht in der Lage, einfache Anweisungen zu lesen oder Formulare auszufüllen.
  • Fast 10% der Schüler verlassen die Schule ohne ausreichende Fähigkeiten im Lesen und
    Schreiben.


Diagnose der Lese-Rechtschreibschwäche

Die genannten Anzeichen einer LRS können von den Eltern selbst beobachtet werden. Eine sichere Diagnose können jedoch nur Spezialisten stellen:

  • Das FIDD Regensburg
  • Schulpsychologen
  • Kinder- und Jugendpsychiater
  • Erziehungsberatungsstellen

Eine fachkundige Diagnose findet statt im Rahmen einer ausführlichen Beratung von Eltern und Kind, sie umfasst Rechtschreib- und Lesetests und sie grenzt mögliche medizinische Indikationen aus (z.B. Seh- oder Hörstörungen, psychische Auffälligkeiten).


Diagnosezeitpunkte:

Ob eine Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer LRS vorliegt, kann bereits in den letzten 10 bzw. 6 Monaten des Kindergartens mit dem sog. „Bielefelder Screening“ (BISC) festgestellt werden.
Das Vorliegen einer LRS kann erstmals ab Mitte des ersten Schuljahres vorläufig ausgetestet werden. Leichte Anzeichen auf eine LRS erfordern hier noch kein Eingreifen. Bei Testwerten in den unteren Bereichen sollte sofort eine Therapie begonnen werden.


Entstehung und Aufrechterhaltung der LRS

Der gelingende Lese- und Rechtschreib-vorgang hat eine Reihe von Fertigkeiten zur Voraussetzung. Demgegenüber entsteht eine LRS durch einen charakteris-tischen Mangel an solchen Fertigkeiten.

Phonologische Informationsverarbeitung:

Theoretisch gesprochen sind Lesen und (Recht-)Schreiben Prozesse der „phonologischen Informationsverarbeitung“, d.h. der Nutzung von Informationen über die Lautstruktur von gesprochener und geschriebener Sprache. Gelingt dieser Informations-verarbeitungsprozess nur mangelhaft, dann entsteht eine LRS.

Phonologische Bewusstheit

Mit diesem Ausdruck wird die Fähigkeit bezeichnet, die Aufmerksamkeit bewusst auf die Lautstruktur anstatt auf den Inhalt von Sprache zu richten. Phonologische Bewusstheit ist gegeben, wenn ein Kind aus Sätzen Wörter und aus Wörtern Laute (Phoneme) und Silben heraushören kann. Das ist deswegen entscheidend, weil beim Lesen Wörter in Laute und Silben zergliedert und Laute und Silben wiederum zu Wörtern zusammengesetzt werden müssen. Für die erste Stufe des Lesens und Schreibens, auf der vor allem mit sog. lautgetreuen Wörtern gearbeitet wird, ist die phonologische Bewusstheit die zentrale und unabding-bare Fähigkeit.

  • Im Prozess des Lesenlernens lernen die Kinder kleinste Lauteinheiten („Phoneme“) bewusst wahrzunehmen und zu verarbeiten.
  • Lesen (phonologisches Recodieren) bezeichnet die Fähigkeit, Buchstaben in ihren Lautwerten zu erkennen und die einzelnen Laute zu einem Wort zusammenzuziehen.
  • Schreiben ist die Fähigkeit, gesprochenen Lauten (Phonemen) die entsprechenden Buchstaben (Grapheme) zuzuordnen.

Phonologische Defizite

Mängel in diesen Bereichen beeinträchtigen die Lese- bzw. Schreibvorgänge beträchtlich:

  • Wenn z.B die lautsprachliche Recodierung (das Lesen) zu mühsam ist und daher zu lange dauert, vergessen die Kinder gegen Ende des Wortes die Anfangslaute schon wieder, so dass das Zusammenziehen von Lauten zu gesprochenen Wörtern („Lautsynthese“) misslingt.
  • Ineffektives Recodieren (Lesen) beträchtigt den Zugriff auf das „semantische Lexikon“ und somit misslingt das „Decodieren“, d.h. die Bedeutungserfassung des Gelesenen.

 

Speicherschwäche für Schriftwörter

Manche LRS-Kinder haben eine spezielle Gedächtnisschwäche für Schriftwörter und brauchen daher viel mehr Lerndurchgänge, bis sie sich die genaue Schreibweise eines Wortes einprägen können.

Defizite in der seriellen Benennungs-geschwindigkeit

Manche LRS-Kinder können beim Lesen nur mühsam von einem Wort auf das nächste umschalten. Das erschwert das automatische Erkennen einer Buchstabenfolge als ein bestimmtes Wort.

Visuelle Verarbeitungsstörung

Verunsicherung in der Blicksteuerung, d.h. das normale Vor- und Zurückspringen des Blickes im Verfolgen der geschriebenen Zeile ist zu unruhig.

Auditive Verarbeitungsstörung

Ähnlich klingende Laute können nicht sicher unterschieden werden.

Wann sollte bei Kindern an eine LRS gedacht werden

Indirekte Anzeichen

  • Vermeintliche Minderbegabung:
    Bei Schülern, die insgesamt nur ausreichende bis mangelhafte Schulleistungen erreichen, wird fast immer von einer eher geringen Be- gabung ausgegangen. Schlechte Leistungen in Deutsch passen daher scheinbar ins Bild . Tatsächlich aber kann umgekehrt durchaus eine LRS auch mitverursachend sein, für all die anderen schlechten Leistungen.
  • Allgemeines Schulversagen:
    Da Schwierigkeiten, schriftlich gestellte Aufgaben zu erfassen (bis hin zu Textaufgaben in Mathematik) schnell zu Schulproblemen in praktisch allen Fächern führen können, ist auch bei einem allgemeinen Schulversagen eine LRS in Erwägung zu ziehen.
  • Psychische Auffälligkeiten und psychosomatische Beschwerden:
    Nicht selten fallen eigentliche LRS-Kinder zuerst durch psychische Probleme (Versa- gensangst, mangelndes Selbstwertgefühl, unerklärliche Traurigkeit), durch Störungen des Sozialverhaltens (Wutanfälle, Aggres-sionen) oder durch psychosomatische Beschwerden (Übelkeit, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen an Schultagen) auf, die Folge ständiger Misserfolgserlebnisse in der Schule sein können. Abzuklären ist, ob diese Misserfolge in einer LRS gründen.

Psychische Probleme bei LRS-Kindern

In Folge der Lese- Rechtschreib-schwierigkeiten – häufig wiederkehrende Misserfolge, erhöhter Zeitaufwand beim Lernen, Mangel an Anerkennung beeinträchtigen das Selbstwertgefühl treten oft psychische Probleme auf:
Emotionale Störungen wie Leistungsängste, überempfindliche Reaktionen bei Kritik, Neigung zu Verstimmungszuständen, Schulunlust bis hin zu Schulangst

  • Psychosomatische Beschwerden wie Übelkeit, Bauchschmerzen und Erbrechen, Kopfschmerzen und Schlafstörungen
  • Hyperkinetische und Aufmerksamkeitsstörungen: Etwa 30% der LRS-Kinder können sich nur schwer auf Aufgaben konzentrieren, sie sind durch Störreize leicht ablenkbar, zeigen deutliche motorische Unruhe
  • Störungen im Sozialverhalten wie etwa verstärkte Trotzreaktionen, Wutanfälle, aggressives Verhalten, aber auch Clownerien

 

Allgemeiner pädagogischer Förderplan: Rechtschreibung

Grundprinzip: Das Lesen und das Rechtschreiben kann nur verbessert werden, indem direkt am Lesen und am Rechtschreiben trainiert wird!
Alle anderen Trainingsverfahren haben sich als erfolglos erwiesen!
Bewusstmachung/Regeltraining kurzer Vokal/Konsonantenverdopplung
Bewusstmachung/Regeltraining langer Vokal/Dehnungskennzeichnung und ungekennzeichnete Dehnung
Parallel und vertiefend zu 1 und 2 wird das sehr wichtige Morphemtraining (Aufbau der Wörter aus „Wortbausteinen“) durchgeführt
Groß-Kleinschreibung
Auslautverhärtung

Allgemeiner pädagogischer Förderplan: Lesen

Grundprinzip: Das Lesen und das Rechtschreiben kann nur verbessert werden, indem direkt am Lesen und am Rechtschreiben trainiert wird!
Alle anderen Trainingsverfahren haben sich als erfolglos erwiesen! Leseschwierigkeiten sind ein noch viel persistenteres Problem als Rechtschreibprobleme!

  • Betroffen sein kann der Lesevorgang selbst, die Technik des Lesens
  • Betroffen sein kann aber auch die Sinnauffassung des Gelesenen
  • Oder beides zugleich: Lesevorgang und Sinnverständnis

 

1. Training des Lesevorgangs

Zügiges Lesen ist das Ziel, das aber nicht schon von Anfang gefordert werden darf, daher:
• Lernen, immer langsam zu lesen (dem Tempodruck der Schule widerstehen)
• Bei Stocken noch langsamer werden und lernen, Wörter zuerst in Silben und in (sinntragende) Morpheme zu zergliedern
• Bei Ratestrategien: Wort von hinten aufbauen; Kunstwörter (bzw. lateinische Wörter) lesen;

2. Sinnverstehendes Lesen üben:

  • Jedes Lesen mit Fragen zum Textverständnis verbinden
  • vor dem Lesen eines Textes mögliches Vorverständnis prüfen
  • genaues Besprechen von einzelnen Wörtern und Textstellen
  • Wortschatz ausweiten
  • Zusammenfassen von Textabschnitten bzw. der ganzen Geschichte

Bedroht, unter Druck gesetzt und schließlich als hoffnungslos ausgelacht oder aufgegeben.

Zu Hause gerät das Hausaufgabenmachen in einen Teufelskreis: Die zusätzlichen Lese-und Schreibübungen führen kaum zu Verbesserungen und Eltern und Kind sind entsprechend frustriert. Das Kind verweigert sich oder ist blockiert, sobald es um Lesen oder Schreiben geht. Unmerklich entwickelt sich ein Teufelskreis aus Versagen, verstärkter Anstrengung, Enttäuschung über mangelnden Erfolg und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Versagensängste und Lernhemmungen bauen zusätzliche psychologische Hürden für das Lernen dar.

© Prof. Dr. Helmut Heim, alle Rechte vorbehalten, Regensburg 2013

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